Das große Interview
Ulrike Falkenhagen über den Tag nach dem letzten Auftritt – und den Mut, der Angst zuzuhören
Ein Gespräch mit der früheren Fernsehmoderatorin · 8 Fragen · rund 12 Minuten Lesezeit

Einunddreißig Jahre lang war ihre Stimme der Schlusspunkt des Fernsehabends. Millionen Menschen in Deutschland kannten Ulrike Falkenhagen als die ruhige, zugewandte Moderatorin, die auch schweren Nachrichten einen Rahmen gab. An einem Freitag im Spätherbst verabschiedete sie sich zum letzten Mal von ihrem Publikum – und stand am Montag darauf allein in ihrer Küche.
Was danach kam, hat sie lange für sich behalten: Schlaflosigkeit, Herzklopfen im Supermarkt, das Gefühl, unsichtbar geworden zu sein. Heute, zwei Jahre nach dem Abschied, lebt die 67-Jährige in einem Haus am Stadtrand, engagiert sich in einem Verein für Vorlesepatenschaften, spielt Cello in einem Laienorchester und hat zum ersten Mal Zeit für lange Spaziergänge. Wir haben sie an einem Vormittag im Herbst in ihrem Garten besucht – bei Tee und Apfelkuchen.
Es wurde ein Gespräch über den Ruhestand, über den Verlust einer Rolle, über eine Angst, die sich nicht wegreden lässt, und über das, was entsteht, wenn man ihr endlich zuhört.
Frau Falkenhagen, erinnern Sie sich an den Tag nach Ihrer letzten Sendung?
Sehr genau. Ich bin um 6:40 Uhr aufgewacht, wie seit drei Jahrzehnten, und habe automatisch nach dem Telefon gegriffen, um die Themenkonferenz zu lesen. Es gab keine. Ich saß auf der Bettkante und habe gemerkt, dass mein Körper noch im alten Takt lebt, während mein Kopf überhaupt nicht wusste, wofür er aufstehen sollte.
Ich habe dann sehr gründlich Kaffee gekocht. Ich glaube, ich habe das Wasser dreimal abgemessen. Es war, als müsste ich beweisen, dass dieser Tag trotzdem einen Ablauf hat. Gegen zehn Uhr stand ich in der Küche und dachte: Und jetzt? Es war kein dramatischer Moment, eher ein leiser. Aber er war überwältigend.
Sie sagen, die Angst sei schon Monate vorher da gewesen. Wie hat sie sich gezeigt?
Zuerst gar nicht als Angst. Ich war gereizt, habe schlecht geschlafen und mich in Kleinigkeiten verbissen – Terminpläne, Kleiderfragen, die Reihenfolge der Beiträge. Heute weiß ich: Ich habe mich an Details festgehalten, weil das große Ganze wegbrach.
Später kam das Herzklopfen. Ich stand im Supermarkt vor dem Regal mit den Nudeln und bekam keine Luft mehr. Niemand hat mich angesprochen, niemand hat mich erkannt, und genau das war das Schlimme. Ich dachte: Wenn mich keiner mehr erkennt, bin ich dann überhaupt noch da? Meine Hausärztin hat mich sehr ernst genommen. Sie hat gesagt: Das ist keine Schwäche, das ist Ihr Körper, der eine große Umstellung meldet.
Was hat sich hinter dieser Angst verborgen?
Die Frage nach dem, wer ich ohne meine Rolle bin. Ich war ja nicht mehr Ulrike, ich war die Falkenhagen. Eine Marke, ein Gesicht, eine Verabredung um 20 Uhr. Dahinter gab es eine Frau, die sehr lange nichts anderes ausprobiert hatte. Ich konnte erzählen, wie man ein Interview führt, aber nicht, was ich an einem freien Dienstag gern tue.
Dazu kam eine Scham, über die ich lange nicht sprechen wollte. Ich hatte doch alles: eine gute Rente, ein Haus, Gesundheit, eine Familie. Wie kann man da Angst haben? Heute sage ich: Gerade dann. Wenn äußerlich alles stimmt, glaubt man, kein Recht auf Zweifel zu haben. Und so frisst man sie in sich hinein.
„Wenn äußerlich alles stimmt, glaubt man, kein Recht auf Zweifel zu haben. Und so frisst man sie in sich hinein.“
Wer oder was hat Ihnen in dieser Zeit geholfen?
Mehrere Dinge, und keines allein. Meine Hausärztin hat mich an eine Gesprächstherapeutin vermittelt, bei der ich im ersten Winter jede Woche war. Das war mühsam und wichtig. Dort habe ich zum ersten Mal ausgesprochen, dass ich mich nach dem Applaus sehne und gleichzeitig erleichtert bin, dass er vorbei ist. Beides darf nebeneinander existieren.
Dann gab es einen Gesprächskreis für Menschen im Übergang in den Ruhestand. Ich bin dort mit zusammengekniffenen Lippen hineingegangen und mit einem Lachen wieder herausgekommen. Ein pensionierter Lokführer hat erzählt, dass er monatelang jeden Morgen zum Bahnhof gelaufen ist, nur um die Züge zu hören. Da wusste ich: Ich bin nicht allein mit meiner Merkwürdigkeit. Und schließlich meine Freundin Hanne, die einfach jeden Donnerstag vor der Tür stand und sagte: Wir gehen jetzt eine Runde.

Wie sieht Ihr Alltag heute aus? Wie schaffen Sie Struktur?
Ich habe mir einen Wochenrhythmus gebaut, der sich nicht nach Pflicht anfühlt. Montags und mittwochs lese ich in einer Grundschule vor – das ist ein Projekt unseres Vereins, und die Kinder sind ein unbestechliches Publikum. Dienstags probt das Orchester. Donnerstag ist Spaziergang mit Hanne. Der Freitag gehört dem Garten und dem Einkaufen für das Wochenende.
Wichtig war mir, dass es feste Anker gibt, aber auch bewusst freie Tage. Am Anfang wollte ich jede Lücke füllen, weil ich Stille nicht ausgehalten habe. Inzwischen genieße ich sie. Ich beginne den Tag ohne Nachrichten, mit einem Spaziergang um den Block und einem Stift in der Hand. Ich schreibe auf, was gestern gut war. Klingt banal, hat aber bei mir viel verändert.
Und ich habe etwas sehr Deutsches getan: Ich bin in einen Verein eingetreten. Ein Verein gibt einem Zugehörigkeit, ohne dass man erklären muss, wer man früher war. Dort bin ich einfach Ulrike, die Cello spielt und manchmal zu spät kommt.
Was würden Sie jemandem raten, der kurz vor dem Ruhestand steht und Angst hat?
Erstens: Nehmen Sie die Angst ernst, aber lassen Sie sich nicht von ihr regieren. Sie ist kein Zeichen, dass Sie etwas falsch machen, sondern dass etwas Bedeutendes zu Ende geht. Zweitens: Fangen Sie früh an, sich zu fragen, was Sie ausmacht, wenn Sie nicht arbeiten. Nicht erst am letzten Tag. Schreiben Sie auf, was Sie als Kind gern getan haben. Sie werden überrascht sein.
Drittens: Suchen Sie sich Menschen. Reden Sie darüber, mit der Familie, mit Freunden, in einer Gruppe, notfalls mit einer Fachperson. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich Hilfe zu holen, wenn die Sorgen nicht nachlassen. Und viertens: Geben Sie sich Zeit. Ich habe gut ein Jahr gebraucht, bis sich mein Leben wieder wie meines angefühlt hat. Das war völlig in Ordnung.
Gibt es etwas, das Sie heute anders sehen als früher?
Ja, vieles. Früher habe ich Leistung mit Wert verwechselt. Heute weiß ich, dass ein Mensch nicht liebenswert ist, weil er etwas vorweisen kann. Meine Tochter hat mir vor einem Jahr gesagt: Mama, du bist jetzt viel anwesender. Das war das schönste Kompliment, das ich je bekommen habe – und auch ein leiser Vorwurf an die Jahre davor, den ich annehme.
Ich sehe auch das Älterwerden anders. Ich muss nicht mehr gefallen, nicht mehr perfekt sein, nicht mehr vorne stehen. Das ist keine Resignation, sondern eine ungeheure Freiheit. Ich trage meine grauen Haare ungeschminkt in den Supermarkt – und niemand zuckt zusammen, am wenigsten ich.
Wenn Sie Ihrem 55-jährigen Ich einen Satz sagen könnten – welcher wäre es?
Du musst nicht alles allein tragen. Ich habe mit 55 geglaubt, dass Haltung bedeutet, nichts zu zeigen. Dabei hätte mir ein ehrliches Gespräch mit ein, zwei Menschen unendlich viel Kraft gespart.
Und vielleicht noch ein zweiter: Der Applaus endet, aber du nicht. Das habe ich damals nicht geglaubt. Heute glaube ich es – jeden Tag ein bisschen mehr.
Schlussgedanken
Nachgedanken: Der Applaus endet, wir nicht
Als wir am späten Vormittag aufbrechen, steht Ulrike Falkenhagen am Gartentor und winkt. Ein Nachbar ruft ihr etwas zu, sie lacht, ruft zurück. Sie braucht keine Kamera mehr, um da zu sein.
Ihre Geschichte erzählt nicht von einem Happy End, das über Nacht kam. Sie erzählt von einem Prozess, der Geduld verlangt: von Rückschlägen, vom Mut, Hilfe anzunehmen, und von der leisen Erkenntnis, dass der Wert eines Menschen nicht an seiner Rolle hängt. Der Ruhestand, so zeigt es ihr Weg, ist nicht das Ende der Bedeutung – er ist die Einladung, sie neu zu finden.
Wenn Sie sich in einzelnen Sätzen wiedererkannt haben, ist das kein Zufall. Viele Menschen erleben den Übergang in den Ruhestand als Zeit der Verunsicherung. Sprechen Sie darüber – mit Menschen, denen Sie vertrauen, mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt, mit einer Beratungsstelle oder der Telefonseelsorge. Und wenn Sie mögen, mit uns.
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